Freitag, 21. Juli 2017



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Sonntag, 2. April 2017

Meine Perspektive auf das Grundeinkommen


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Ich möchte Euch an dieser Stelle einen kleinen Einblick geben, was mich zum Grundeinkommen führt. Dafür möchte ich mit ein paar Beispielen aus meiner täglichen Praxis anfangen:

Ein 35-jähriger Mann, Waschmaschinenmonteur, hat kaputte Knie, eigentlich müsste er eine Umschulung machen und den Beruf wechseln. Aber er hat eine Familie und die könnte er dann nicht mehr ernähren. Also macht er weiter, bis die Knie ganz kaputt sind, landet früher oder später im Krankengeld, nimmt Schmerzmittel und kann seinen Freizeitbeschäftigungen nicht mehr nachgehen. Mit Grundeinkommen wäre das nicht passiert. 

Eine alleinerziehende Mutter mit schwerer Depression muss dringend in die Klinik. Aber sie verweigert die Behandlung, weil sie vom Krankengeld die Miete nicht bezahlen kann, obwohl sie schon in einer Sozialwohnung lebt. Nun steht eine Entscheidung zwischen Suizidgefahr oder Obdachlosigkeit mit Kleinkind im Raum. Mit Grundeinkommen wäre das nicht der Fall.

Ein junger Mann kommt mit Panikattacken in die Sprechstunden, die ungeplante Schwangerschaft seiner Freundin hat ihn mit seiner Arbeitslosigkeit konfrontiert. Er möchte sich über Abtreibung informieren, trotz Kinderwunsch und funktionierender Beziehung. Mit Grundeinkommen wäre das nicht so. 

Eine 55-jährige Polin berichtet von der zunehmenden Demenz ihrer Mutter. Sie möchte die Pflege gerne selbst übernehmen. Aber wovon soll sie dann leben? 

Ein Tiermedizinstudent stellt fest, dass er sich in der Berufswahl geirrt hat. Wenn er das Studium abbricht, muss er das Bafög zurückzahlen, Geld für eine andere Ausbildung gibt’s dann nicht. Also macht er weiter und seine chronisch entzündliche Darmerkrankung wird immer schlechter. 

So viele Menschen bräuchten gar nicht zum Arzt zu gehen, wenn wir ein Grundeinkommen hätten. Und vielen weiteren könnte man viel besser helfen. 

Ich stelle mir immer wieder die Frage, worein ich meine Lebenszeit investiere. Ob ich als Psychotherapeutin mehr Depressionen heilen könnte, als ich mit Grundeinkommen verhindern kann? Im Moment habe ich meine Weiterbildung für das Grundeinkommen ziemlich hintenangestellt. 

Man kann das Grundeinkommen aus sehr vielen Richtungen betrachten, mein Zugang beginnt mit Erich Fromm.

Der Unterschied zwischen Sein und Haben entspricht dem Unterschied zwischen dem Geist einer Gesellschaft, die zum Mittelpunkt Personen hat, und dem Geist einer Gesellschaft, die sich um Dinge dreht.
 
Für mich geht es um die Menschen und nicht um die Dinge. Um jeden Einzelnen und um Alle zusammen. Um die Freiheit, Selbstbestimmung und das Miteinander

In die Kunst des Liebens unterscheidet Fromm zwischen der mütterlichen und der väterlichen Liebe. Das muss man nicht ganz so wörtlich nehmen, aber es geht um einen wichtigen Unterschied. Die mütterliche Liebe ist die bedingungslose Liebe und die väterliche die leistungsbezogene Liebe. Wir brauchen beides. Wir brauchen eine bedingungslose Anerkennung unserer Würde, unseres Mensch-Seins und unserer Existenz. Und wir brauchen auch eine Wertschätzung der Leistungen, die wir erbringen, welcher Art auch immer die sind. 

Im Moment ist das Pendel ganz auf der einen Seite, bei der Leistung. Überall geht es darum etwas zu leisten. Das fängt schon im Kindergartenalter an und hört eigentlich nie wieder auf. Das ist auch okay. Es sollte nur nicht alleine stehen bleiben. Kaum etwas bekommt man „einfach so“. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre so etwas. „Einfach so“, nur weil du ein Mensch bist. Auf einmal bist du gut, so wie du bist. Und nicht nur, wenn du vorher eine Bedingung erfüllt hast.
 
Manche Kritiker des Grundeinkommens prangern das an, weil sie um die Anerkennung der Leistungen fürchten. Es geht aber gar nicht darum, dass es keine Wertschätzung von Leistung mehr geben soll. Sondern nur darum, eine andere Mischung zu finden, zwischen bedingter und bedingungsloser Zuwendung.

Ein BGE könnte also die institutionalisierte mütterliche Liebe sein. Die, die nicht fragt, ob du gut genug bist. Sondern die, die dir deine Existenz sichert, bedingungslos. Diese Sicherheit der Existenz ermöglicht eigentlich erst die Leistung. Zumindest eine, die aus uns selbst heraus kommt, intrinsisch motivierte Leistung und nicht nur von außen erzwungene. Das mit dem Zwang funktioniert ohnehin nicht besonders gut. Zuletzt habe ich von 80% innerer Kündigung bei Angestelltenverhältnisse gehört. Der wirtschaftliche Schaden geht ins unermessliche, aber noch schlimmer ist der menschliche. 

Wir leben in einer Welt voller Misstrauen. Überall herrschen Regeln, Kontrolle und der Verdacht, dass der andere einem etwas Schlechtes wollen könnte. Das mündet dann in einem Menschenbild, in dem man seinem Nachbarn die Butter auf dem Brot nicht mehr gönnt und ein großer Teil der Lebenszeit darauf verwendet wird zu gucken, ob man auch nicht ungerecht behandelt wird. Dabei könnte es doch eigentlich auch anders sein. Warum haben wir nur so viel Angst davor, ausgenutzt zu werden? Weil wir in einer Gesellschaft leben, in der Konkurrenz und Wettstreit zur Normalität geworden sind. Die Leistungsgesellschaft. Das klingt irgendwie ganz erfolgreich und vielleicht ist es das auch. Aber ist es auch menschlich?

Wenn wir das tun was wir tun müssen, statt das, was wir tun wollen, dann geht uns Kreativität und Innovation verloren. Allein deswegen bräuchten wir schon ein BGE. 

Aber auch unsere Gesundheit leidet unter dem Zwang zur Arbeit und den Existenzängsten. Existenzängste spielen nicht nur bei den sogenannten prekär Beschäftigten eine Rolle, obwohl das ja schon sehr viele sind, sondern indirekt zum Beispiel auch bei deren Familien. Ein großer Teil der Bevölkerung lebt von sogenannten Transfereinkommen. Ein Teil davon sind staatliche Transferleistungen, die meisten innerhalb der Familie. Aber das heißt, wenn ein Erwerbsarbeitsplatz gestrichen oder in Leiharbeit umgewandelt wird, dann hat das Folgen für deutlich mehr Menschen. Vielleicht z.B. für die Frau, die nun in der Job-und-Kinder-Falle steckt, für die Kinder, die mehr Fremdbetreuung brauchen, oder für die Alten, die im Heim landen. Und obwohl Frau Nahles dank frisierter Arbeitslosenzahlen noch von "nahezu Vollbeschäftigung" träumt, gehen uns in Wirklichkeit die Normalarbeitsverhältnisse aus. Und das wird durch die Digitalisierung noch vollkommen ungeahnte Ausmaße annehmen. 

Das bedingungslose Grundeinkommen ist also nicht nur ein Wunsch, sondern eine realpolitische Notwendigkeit geworden. 

Der kulturelle Impuls der Bürgerbewegung fürs Grundeinkommen hat dieses zwar bekannter gemacht, eingeführt wurde es allerdings noch nicht. In Deutschland gibt es keine bundesweiten Volksentscheide, deswegen hat sich letztes Jahr eine neue Partei gegründet, das Bündnis Grundeinkommen, mit dem Ziel, das Thema BGE auf den Wahlzettel und in den Bundestag zu bringen. Ein ziemlich ambitioniertes Unterfangen, in 365 Tagen von der Gründung bis zur Bundestagswahl zu kommen. Aber die ganze BGE-Szene hat darauf mit einer ungeahnten Aktivierung reagiert und seit Monaten stecken sehr viele Menschen sehr viel Zeit, Energie und Herzblut in dieses Projekt. Mit „in den Bundestag“ ist nicht unbedingt gemeint, dass das Bündnis Grundeinkommen selbst in den Bundestag gewählt werden muss. Auch wenn das natürlich toll wäre und wir das versuchen wollen. Aber auch indirekt, über die Währung Wählerstimmen, kann das Thema BGE durch die dort vertretenen Parteien in den Bundestag gebracht werden. Und nebenbei können vielleicht noch ein paar bisherige Nichtwähler motiviert werden, zur Wahl zu gehen oder Protestwähler, ihr Kreuz nicht bei der AfD zu machen, und somit gewinnt die Demokratie auch noch etwas. 

Und trotzdem bleibt es ein Paradox. Für mich schafft das Bedingungslose Grundeinkommen die Rahmenbedingungen zur Selbstbestimmung und Freiheit. Und das passt nicht gut zu den Machtmechanismen des politischen Betriebs. Das fällt auch immer wieder auf, wie zuletzt letztes Wochenende beim Bundesparteitag. Die Grenze zwischen „Partei wider Willen“ aus Ermangelung an Volksentscheiden und „widerwillig Partei“ ist manchmal sehr schmal. 

Trotz allem bin ich davon überzeugt, dass diese Ein-Themen-Partei ein sehr guter Weg ist, um das Grundeinkommen in die Politik zu bringen. Und zwar nicht irgendein Grundeinkommen, sondern eines das den vier internationalen Kriterien des BGE entspricht:
- Existenz- und Teilhabesichernd
- individueller Rechtsanspruch
- ohne Bedürftigkeits- oder Vermögensprüfung
- kein Zwang zur Arbeit oder sonstiger Gegenleistung

Mittwoch, 29. März 2017

Ist teilen wirtschaftlicher als sparen, Herr Mekiffer?


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Was ist 1 geteilt durch 10? Selbst wenn Sie ab der zweiten Klasse geschwänzt haben, werden Sie wissen: Das Ergebnis ist zumindest weniger als 1. Teilen verringert das Geteilte. Den Keks, den ich abgebe, kann ich nicht selber essen, und wenn ich mein Vermögen verteile, ist es vergeben. Wenn ich es hingegen auf die Bank bringe, habe ich irgendwann mehr davon. Teilen macht also ärmer; und überhaupt, volkswirtschaftlich gesehen haben wir doch ein Problem mit mangelnder Spardisziplin: Überschuldete Haushalte, entstanden durch Steuergeschenke. Teilen ist also netter als sparen, aber uneigennützig und unwirtschaftlich.

Dieser Gedankengang ist so tief in unserem kollektiven Denken und Wirtschaften verankert, dass es sogar unvernünftig erscheinen kann, ihn in Frage zu stellen. Er klingt so intuitiv und einleuchtend – den Schein, den ich verschenke, kann ich selber nicht ausgeben, daher ist mehr für Dich weniger für mich.

Aber Scheine und Kekse sind in Wirklichkeit nicht die Regel, sondern die Ausnahme. In den meisten Fällen macht das Teilen den Teilenden reicher, ohne viel oder überhaupt etwas zu kosten.
Häufig macht das Teilen keinen ärmer, sondern bereichert den Teilenden, und ist daher oft sparsamer als das Sparen.

Ein Beispiel? Ich wohne in einer großen Wohngemeinschaft, mit 11 Leuten auf dem Land in einem ehemaligen Gasthaus in Waldeck, in einem großen Haus mit noch größerem Garten.

Wir teilen jetzt nicht alles, aber vieles: Den Einkauf, damit wir nicht alle einzeln zum Supermarkt fahren und jeden Yoghurt einzeln abrechnen müssen. Wir teilen das WG-Auto, den Fernseher, die Küchen- und Arbeitsgeräte und Staubsauger, damit bei uns nicht Dutzende kaum genutzte Geräte herumstehen um die man sich kümmern muss.

Wir richten gerade eine gemütliche Bibliothek ein, in der wir die gesammelten Bücher und Filme der Bewohner zusammenlegen. Das bereichert mich, ohne dass ich dafür etwas aufgeben muss.
Und wir teilen den Wohnraum – Küchen und Wohnzimmer, Gemüsegarten, Sauna im Keller – wodurch wir alle viel Platz für wenig Miete haben.

Wir müssen sogar nur einmal GEZ-Gebühr zahlen.

Kurz: Wir haben Überfluss, ohne zu knausern. Nicht weil wir sparen, sondern weil wir teilen, haben wir mehr. Mehr für Dich ist auch mehr für mich. Das ist wirtschaftlich.

Sparen und Teilen haben beide einen ähnlichen Effekt – man verbraucht weniger Geld und Ressourcen. Aber während Sparen Verzicht bedeutet, bereichert mich das Teilen, weil dadurch andere ihrerseits mit mir teilen. Es vereint die Vorteile des Sparens und Verschwendens in sich. Teilen ist das bessere Sparen.

Ein Haus ist eine Sache, aber wie funktioniert das in unserer Gesellschaft, dieser großen WG mit ihren unübersichtlich vielen Mitbewohnern? Sparen wir noch oder teilen wir schon?

Ich glaube, viele von den Problemen, die uns heute Kopfschmerzen bereiten, sind die logische Folge unserer Entscheidungen, uns in den letzten Jahren eher dem Sparen als Teilen zu verschreiben.

Am offensichtlichsten zeigt sich das bei der Privatisierung öffentlichen Eigentums. Vieles von dem, was vorher Staat und Gesellschaft verwaltet wurde, haben wir in den vergangenen Jahrzehnten in die Gewinnoptimierung getrieben: Die Bahn, VW und Lufthansa, Post und Telefonnetz, Stadtwerke und Flughäfen, Krankenhäuser, Hochschulen, sogar Ministeriengebäude wurden verkauft und wieder zurückgemietet. Sogar die Bundesdruckerei wurde privatisiert, was kostspielig zurückgenommen wurde, und für die Privatisierung von Autobahn und Gefängnissen gibt es bereits Modellprojekte.

Alles was verkauft wird, ist dann kein öffentliches Eigentum mehr, sondern gehört privaten Investoren und Institutionen. Als Unternehmen müssen sie ihr finanzielles Einkommen maximieren, mehr Gewinn für die Anteilseigner einfahren, hohe Preise fordern und niedrige Löhne zahlen und möglichst viel verkaufen, um möglichst viel Geld ein- und anderen abzunehmen.

Anders gesagt: Privatisierte Unternehmen müssen sparen statt teilen, um wirtschaftlich zu sein. Wir Arbeitnehmer müssen für diese Leistungen und Dividenden bezahlen, daher müssen wir, je mehr privatisiert wird, mehr für Geld arbeiten, müssen weniger teilen und mehr sparen. Sind wir dadurch kollektiv ärmer oder reicher geworden?

Die Privatisierung des öffentlichen Wohlstandes ist aber keine Erfindung der Neunziger Jahre; sie ist bereits seit Jahrhunderten im Gange. Kurze Rückschau: Im ausgehenden Mittelalter waren die weitesten Teile des Landes besitzerlos, gehörten niemandem. Die Wälder und Flure zwischen den Dörfern wurden Allmenden genannt, und standen den anliegenden Bauern zur Verfügung, um sich mit Holz, Wild, Futter und Wasser zu versorgen. Dorfgemeinschaften achteten darauf, dass niemand diese geteilten Flächten übernutzte.

Ab der Reformation wurden die Bauern jedoch vertrieben, die Flächen umzäunt und die Wälder gerodet. Aus autarken Dorfgemeinschaften wurden abhängige Lohnarbeiter, aus unendlichen Wäldern wurden schwindende Schrebergärten. Der Großteil des Landes gehört nun einer kleiner werdenden Zahl an größer werdenden Agrarkonzernen und Hedgefonds. „Betreten verboten“-Schilder und Zäune bezeugen diese Entwicklung, die manche als Diebstahl bezeichnen: Denn alles, was jetzt privates Eigentum ist, muss irgendwann einmal allen gehört haben und gewaltsam entwendet worden sein. Das einmal unendliche Land ist für jeden einzelnen knapp geworden, durch unsere mangelnde Bereitschaft zu teilen.

Warum sparen wir anstatt zu teilen? Warum verkaufen wir eigentlich unser öffentliches Eigentum, anstatt den Zugang allen zu gewähren? Weil wir uns kollektiv einmal dafür entschieden haben: Staaten können nur Geld ausgeben, was sie durch Steuern einnehmen. Wenn das nicht gelingt, müssen sie sich verschulden und müssen darüberhinaus Zinsen zahlen und später mehr einnehmen als sie ausgeben. Daher wird stetig weiter öffentliches Vermögen verkauft, was kurzfristig Haushalte saniert und dauerhaft Investoren beschenkt.

Dabei ist es doch eigentlich paradox: Der Staat spart an gemeinschaftlichen Gütern und Dienstleistungen, um Geld heranzuschaffen. Aber gehört die Zentralbank, die das Geld überhaupt in Umlauf bringt, nicht zum Staat? Warum spart der Staat an etwas, was er beliebig herstellen könnte? Die Europäische Zentralbank versucht gerade die Konjunktur anzukurbeln, indem sie Geschäftsbanken mit billigen Krediten überschüttet, während die Kommunen sparen müssen – warum benutzt sie nicht dieses Geld um die Schulden zu begleichen?

Warum teilen wir nicht die Früchte des Wohlstandes, sondern bestehen auf das Sparen? Wie würde eine Gesellschaft aussehen die das Teilen in den Mittelpunkt stellt? In der Softwareentwicklung sind diese Prinzipien schon heute verbreitet. Der Quellcode von Linux, Bitcoin und Co ist frei zugänglich und darf beliebig kopiert, modifiziert und benutzt werden. Das ermöglicht vielen, Verbesserungen einzubringen und die Software frei zu nutzen. Das bedeutet nicht, dass man damit kein Geld verdienen kann: Wer die Technik kennt, kann anderen helfen sie einzusetzen oder zu erlernen.

Tüftler wenden diese Logik mittlerweile auf technische Produkte an und erstellen Anleitungen für 3D-Drucker, Konstruktionspläne für Solarkollektoren und Windturbinen, die für jeden zugänglich und verbesserbar sind. Wikipedia sammelt und verteilt Wissen, zur Bereicherung aller. Patente, Urheberrechte und Verwertungsgesellschaften beschränken aufwendig und künstlich den Zugriff auf Ideen, Kunst und Wissen. Könnte unsere Gesellschaft nicht kreativer sein, wenn Open Source und Creative Commons keine Randprodukte, sondern die Normalität wären?

Und die Gedanken des Teilens könnte man viel weiter denken. Warum finanzieren wir nicht staatlich allen Nahverkehr, Telefon und Internet, und gewähren allen Bürgern kostenlosen Zugang? Das würde den Autoverkehr reduzieren und das Eintreiben und Verwalten der Gebühren einsparen. Und warum vergesellschaften wir nicht die ortsnahen 10% des agrarindustriellen Großgrundbesitzes und machen daraus Gemeinschaftsgärten? Kleingärten haben den größeren Flächenertrag als industrielle Landwirtschaft, und überwiegen mit gesundheitlichen und psychologischen Vorteilen. Oder warum verteilen wir nicht gleich das frische Zentralbankengeld als Grundeinkommen bei den Bürgern? Das würde allen die Freiheit bieten, nicht mehr aus der Notwendigkeit des Sparens zu handeln, sondern aus dem Willen zu geben.

Das sind natürlich alles politisch undenkbare Vorschläge. Noch gedeihen diese neue Formen des Wirtschaftens nur in den Nischen. Doch jetzt, wo das bestehende Modell des jeder-gege-jeden zunehmend schmerzhaft gegen seine Grenzen stößt, kommt zunehmend die Zeit sie in die Mitte zu holen.



Dies ist ein Gastbeitrag von STFAN MEKIFFER
Er ist Ökonom, Kulturwissenschaftler und Philosoph. Er wurde in 1988 in Kassel geboren und lebt zeitweise in Waldeck, zeitweise in Berlin, arbeitet zur Zeit bei
Refugee Open Cities, einem Innovationsprojekt für Flüchtlingheime, und kandidiert auf der Berliner Landesliste der neuen Partei Bündnis Grundeinkommen. Im vergangenen Jahr erschien sein Buch Warum eigentlich genug Geld für alle da ist im Hanser-Verlag.

Dienstag, 21. März 2017

Im Überlebensmodus leidet die Empathie


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Ein Ertrinkender schlägt um sich. Manchmal würgt jemand, der dabei ist zu ertrinken, in seiner Panik sogar den Retter. Als Rettungsschwimmer lernt man sich aus dem Griff zu befreien, um Leben zu retten. Erst an Land, nach etwas Erholung, schaltet sich das Großhirn  wieder ein. Erst dann kommt der Ertrinkende aus dem Überlebensmodus, dem blanken Selbsterhaltungstrieb, wieder ins Leben zurück. 

Panik und Existenzängste bringen die schlechtesten Seiten in uns zutage. Jeder kennt das. Momente wo Angst, Neid, Eifersucht oder Wut den gesunden Menschenverstand blockieren. Befinden wir uns in einer gesunden Umgebung, ist der Weg zurück zur Urteilsfähigkeit nicht schwer. Aber wenn Panik auch um uns herum ist und länger anhält, dann wird ein Teufelskreis in Gang gesetzt, der mit sehr viel Gewalt enden kann.

Ich sehe sehr viele Menschen mit Ängsten und auch das Leid, das dadurch entsteht. Natürlich ist Angst nicht per se schlecht. Schließlich soll Angst uns vor Gefahren bewahren. Aber bei großer Angst, insbesondere bei Panik, stehen uns nicht mehr alle Hirnleistungen zur Verfügung. Im Überlebensmodus reagieren wir triebhaft und unreif. 

Deswegen möchte ich die Angst in unseren Köpfen reduzieren. Individuell und gesellschaftlich. 
Ich hatte vor einigen Jahren das zweifelhafte Vergnügen Mobbing am eigenen Leib zu erfahren. Ich habe mich damals selbst überschätzt. Zu spät erkannte ich, wie gefährlich das werden kann. Anfangs war es nur eine Mitarbeiterin. Doch mit der Zeit hatten Ausgrenzungen, Verleumdungen und aggressive verbale Angriffe das ganze Team erfasst. Ich mochte meine Arbeit und konnte mir nicht vorstellen die Patienten einfach im Stich zu lassen. Nachdem  mir die Chefin eröffnet hatte, dass sie nicht gewillt war den Konflikt konstruktiv anzugehen, habe ich trotzdem gekündigt. 

Wer mit dem Rücken an der Wand steht, hat kein Mitgefühl mehr

Im Tiefpunkt des Geschehens traf ich eine alte Freundin. Nach wenigen Sätzen guckte sie mich schockiert an: "Wo ist denn deine Empathie geblieben?" Erst da habe ich begriffen, wie schlimm es um mich bestellt war. Wer mit dem Rücken an der Wand steht, hat kein Mitgefühl mehr. 

Ich bin nach dem Tag nie wieder an diesen Arbeitsplatz zurückgekehrt. Anschließend habe ich viel Liebe und Hilfe gebraucht, und zum Glück auch bekommen. Auch wenn meine sozialen Beziehungen sehr unter den psychischen Belastungen des Mobbings gelitten hatten. Manche Kontakte musste ich aufgeben, andere neu beginnen oder alte wieder aktivieren. In schweren Zeiten lernt man viel über seine Mitmenschen. Nach einer Weile hatte ich mich, meine Gesundheit und meine Empathie wieder gefunden Aber diese Erfahrung hat mir wichtige Erkenntnisse gebracht. 

Manchmal frage ich mich, warum manche Leute mit Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, um ihr Leben zu retten, kein Mitleid haben. Dann erinnere ich mich daran, wie es mir ging. Und dann verstehe ich. Es ermöglicht mir, auch für aggressive und destruktive Verhaltensweisen Verständnis aufzubringen. Ich heiße es nicht gut, aber ich verstehe es.

Ob jemand sich selbst bedroht sieht, hat nicht unbedingt etwas mit einer realen Gefahr zu tun. Viele Ängste werden durch emotionale Trigger ausgelöst, zB frühere traumatische Erfahrungen. Aber auch in der Situation begründete Ängste reduzieren die Empathie. 

Was für Trigger? Ich möchte dass an einem Beispiel erläutern. Ein mir sehr nahestehender Mensch hat von seinen Eltern immer wieder zu hören bekommen: "Wenn du dich in der Schule nicht anstrengst, wirst du später verhungern!" Dadurch wurden irrationale Ängste gezüchtet. Die Folge davon waren Prüfungsangst und Panikattacken. Ich habe mehrmals erlebt wie diese Angst einen eigentlich sensiblen, liebevollen und behutsamen Menschen zum "Ekelpaket" hat werden lassen. 

Wer mit den Ängsten der Menschen Politik macht, oder wirtschaftet, sollte sich nicht wundern, wenn diese Menschen (dadurch) zu "Arschlöchern" werden. Es wird dann zu einer selbsterfüllenden Prophezeihung, von beiden Seiten. 

Wir sollten uns dessen bewusst sein. Manchmal muss man sich schützen. Und dennoch sehe ich die Lösung eigentlich darin, Stück für Stück wieder mehr Vertrauen in die Welt zu bringen. Denn auch Vertrauen kann zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden.

Dieser Artikel ist aus dem Oktober 2016 und wurde hier erneut veröffentlicht.