Mittwoch, 21. Dezember 2016

Bedingungslose Existenzsicherung oder anstrengungsloser Wohlstand?


"Was ist das Bedingungslose Grundeinkommen?"

Das Bedingungslose Grundeinkommen ist folgendermaßen definiert:
* Es steht allen Menschen individuell garantiert  zu
* Es soll in existenzsichernder Höhe sein und gesellschaftliche Teilnahme ermöglichen
* ohne Bedürftigkeitsprüfung (Einkommens-/Vermögensprüfung),
* ohne Arbeitszwang oder sonstige Verpflichtung

Was würde sich durch ein Bedingungsloses Grundeinkommen für die bisherigen Hartz IV Bezieher in Deutschland ändern?

1. keine Arbeitspflicht, keine verpflichtenden Maßnahmen vom Jobcenter, keine Sanktionen, kein sich dem Arbeitsmarkt verfügbar halten.

2. keine Einkommens- und Vermögensprüfung. Das heißt, z.B. dass man zusätzlich zum Grundeinkommen auf Erspartes zurückgreifen kann, weil es nicht erst verbraucht werden musste. Aber eben auch, dass man ohne Abzug vom BGE dazu verdienen kann. Je nach Modell gäbe es dann sehr wohl Abzüge vom Einkommen in Form von Steuern oder eventuell noch bestehender Sozialversicherungen, aber es würde nicht wie jetzt "angerechnet". Heute wird ja quasi jeder Zuverdienst vom Arbeitslosengeld abgezogen, sodass sich das Arbeiten erst lohnt, wenn man mehr verdient als vorher Leistungen bezogen wurde. Um das nicht arbeiten durch nicht-lohnen zu unterbinden wurde die Arbeitspflicht eingeführt, siehe oben. Das sind dann die sogenanten "Aufstocker".

3. "individuelle Zahlung" schafft Unabhängigkeit, auch innerhalb von Familien oder anderen Formen des Zusammenlebens. "Garantiert" ermöglicht eine Zukunftsplanung die nicht primär auf Existenzsicherung aus ist. Z.B. bei den Kindern zuhause bleiben, auch wenn das heißt, dass man dann nicht mehr in deinen Beruf zurück kann. Oder ein Musikerleben, Tätigkeiten ohne klassische Berufsausbildung. Oder vieles mehr.

4. Was man unter "Existenzsicherung" und vor allem unter "gesellschaftlicher Teilhabe" konkret versteht, darin scheiden sich die Geister. Es ist für die Wirkung, Realisierbarkeit und Akzeptanz eines BGE aber von entscheidender Bedeutung. Geht es ums bloße Überleben, oder soll auch der "übliche" Wohlstandskonsum mit abgedeckt sein? Davon hängt natürlich auch die Motivation an, dann noch zu arbeiten. Davon hängt ab, ob es mit unserem Gerechtigkeitsgefühl vereinbar ist. Es ist quasi das Maß der Freiheit, die durch ein BGE erlangt würde.

"Wie hoch sollte es sein?"

Diese Frage lässt sich meines Erachtens schlecht auf eine Zahl reduzieren. Um wirklich Existenzsichernd zu bleiben, ohne unrealistisch zu werden, ist meiner Meinung nach eine dynamische Anpassung notwendig. Entweder politisch oder rechnerisch z.B. über das BIP oder an die Inflation. Ob es emanzipatorisch ist, hängt sowohl von der Höhe ab, als auch davon, was mit anderen bisherigen Sozialleistungen passieren würde. In jedem Falle führt ein BGE, das die oben genannte Definition erfüllt, aber zu einer Verbesserung der Selbstermächtigung.

"Wer hat was davon?"

Ginge es denn irgendwem besser mit BGE? Ja, den jetzigen Harzt IV Empfängern, durch oben genannte Änderungen, allerdings wäre nicht unbedingt gesagt, dass sie mehr Geld bekommen würde. Aber es wäre mindestens leichter, welches dazu zu verdienen, möglich noch Reste zu haben und wenn das alles nicht gewollt oder gekonnt würde, dann drohten wenigstens keine Sanktionen.
Es ginge wahrscheinlich auch vielen die jetzt mehr als Hartz IV haben besser, weil die Angst vor dem Abstieg abgemildert werden würde.

"Warum soll es an alle gezahlt werden, auch die die es gar nicht brauchen?"

Die Frage danach, warum es auch an die gut Verdienenden gezahlt werden sollte ist sehr legitim. Die Antwort ergibt sich aus dem Prinzip des BGE. Wenn das Vermögen und das Einkommen für den Erhalt des BGE nicht geprüft wird, dann MUSS es erstmal an jeden ausgezahlt werden. Zumindest jeden der Anspruch darauf erhebt. Davon unberührt könnte sein, dass Einkommen jeglicher Art besteuert werden könnten und somit im Netto nicht mehr, oder bei großen Abschreibungsmöglichkeiten vielleicht sogar weniger, rauskommt als bisher.

"Also einfach nur rechte Tasche linke Tasche?" 

Ist dann das BGE NUR ein vorwegausgezahlter Steuerfreibetrag und sonst nichts? Ich würde sagen,  es ist ein großer Unterschied ob ich frage: >Bist du so arm, dass du es brauchst?< Oder ob ich frage: >Bist du so reich, dass du an anderer Stelle zahlen musst<. Der Unterschied liegt nicht im Betrag auf dem Konto, sondern in der Würde des Gefragten.

Dienstag, 13. Dezember 2016

Angst



Zu viel Angst macht krank. Seelisch und körperlich. Von den Rückenschmerzen bis zur Depression, Herzinfarkt oder Magengeschwür, Übergewicht oder Substanzmissbrauch. Nicht immer direkt, aber sehr oft indirekt. Denn sehr viele Krankheiten werden durch mangelnde Selbstfürsorge (mit) verursacht, manche auch durch selbstschädigendes Verhalten. Und dabei spielt die Angst oft eine wichtige Rolle. Warum? Ich suche nicht nach Schuld. Weder im Einzelnen noch im Gesamten. Doch ich suche nach Ursachen. Und wenn ich die Menschen frage, warum sie nicht liebevoller mit sich selbst (Körper, Seele und Geist) umgehen, dann finde ich als Ursache sehr oft Angst. Angst davor nicht zu genügen, nicht geliebt zu werden. Angst vor Ausgrenzung, Einsamkeit, Armut, auch Angst vor dem Tod.

"Zu viel Angst macht krank, auch wenn sie verdrängt wird und unbewusst bleibt"

Vielen ist diese Angst nicht wirklich bewusst. Sie wird nicht reflektiert, sondern ist ein ständiger Begleiter im Hintergrund. Erst wenn ich Nachfrage, manchmal sogar penetrant bohre, dann kommt die Angst zum Vorschein. "Warum kümmern Sie sich nicht besser um Ihre Gesundheit?" "Warum bewegen Sie sich so wenig?" "Warum essen Sie Dinge die Ihnen nicht gut tun und oftmals noch nicht mal schmecken?" "Warum arbeiten Sie mehr als Sie wollen?" "Warum vernachlässigen Sie ihre Familie/Freunde/sozialen Beziehungen?" Erst wenn diese Fragen gestellt werden, kommt die Angst zum Vorschein.

 "Zu viel Angst wirkt toxisch auf die Gesundheit und ist Gift für die Gesellschaft"

Zuviel Angst zerstört die Gesundheit, die sozialen Beziehungen, die Lebensqualität und letztlich auch die Gesellschaft. Es sollte im Interesse aller sein, Angst zu reduzieren. Denn wer weniger Angst hat, der lässt sich auch weniger Manipulieren, weniger zu Hass und Gewalt verleiten.
Zuviel Angst kann ein persönliches Problem sein. Oftmals hilft dann eine Psychotherapie. Aber Angst kann auch ein systematisches, gesellschaftliches Problem sein. Dann hilft Psychotherapie nur sehr bedingt, z.B. wenn sie dabei unterstützt sich von den gesellschaftlichen Zwängen zu distanzieren. Aber wenn Angst und Depression zu Volkskrankheiten werden, und wenn man die somatischen Erkrankungen die dadurch begünstigt werden auch noch alle mitrechnet, dann betrifft es einen sehr großen Teil der Bevölkerung. Dann kann es nicht die Lösung sein, dass wir alle zu Aussteigern werden.

"Repressionen für Bedürftige als Abschreckungsmethode"

Johannes Ponader, Aktivist bei Sanktionsfrei, hat es in einem Interview so schön auf den Punkt gebracht. "Durch das aktuelle Harzt IV System werden bedürftige Menschen schikaniert, damit ANDERE Angst haben. Die die (noch) arbeiten." Ich teile diese Einschätzung. Es wird systematisch Angst erzeugt. Und diese Angst ist toxisch. Sie macht die Seele der Menschen kaputt. Zerstört Solidarität. Zerstört unser Mensch sein.

"Ein Bedingungsloses Grundeinkommen kann Existenzängste reduzieren"

Ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte nicht alle unsere Ängste auflösen, aber es könnte einen großen Faktor beeinflussen. Einen der nicht individuell ist, sondern gesellschaftlich. Spannender Weise löst aber die Diskussion um das BGE auch Ängste aus. Weil es das Denken verändert, Gewohnheiten infrage stellt.

Wollen wir aus Angst vor Veränderung die Existenzangst behalten? Oder bringen wir den Mut auf, neue Wege zu beschreiten?

Dieser Artikel ist aus dem Oktober 2016 und wurde hier nach Überarbeitung noch mal veröffentlicht. 

Urban Gardening


Ich ziehe eine unglaubliche Kraft aus meinem Garten. Der Kontakt zur Erde, die Pflege von Pflanzen, die Produktion zur Nahrung.

"Der Kontakt zur Erde hilft mir mich zu regulieren"

Ich bin mal gefragt worden, was ich ganz konkret tue um mich zu regulieren. Neben dem Blick nach innen, z.B. durch Tagebuch schreiben, ist mir die Erdung sehr wichtig. Manchmal wird mir die Welt um mich herum zu wirr, zu schnell, zu kompliziert und ich brauche mehr Resonanz. Dann ist ein Weg von mir, mich auf den Boden zu legen. Auf die Erde, oder die Wiese. Und zu spüren, wie ich im Kontakt bin, getragen werde. Dafür braucht man natürlich keinen ganzen Garten, das geht in jedem Park.

"die Planzen und ihr eigen-Leben"

Das mit-leben mit den Pflanzen ist ebenfalls wertvoll. Ich sehe sie wachsen, kommen und gehen. Mein Gespür für die Vegetation, die Jahreszeiten hat sich deutlich verändert seit dem ich einen Garten habe. Meine Wohnung verändert sich kaum, wenn ich mal eine Weile weg bin. Mein Garten schon. Die Pflanzen in ihrer Gesamtheit brauchen mich nicht. Sie gehen ihren Weg (im übertragenen Sinne) auch ohne mich. Gärtnern ist eingreifen, herrschen. Arbeiten gegen die Anarchie. Nicht nur das Recht der Stärkeren. Berichte über die Kommunikation von Pflanzen beeindrucken mich. Wobei ich je nach Züchtung so meine Zweifel habe, wie viel davon zerstört wurde.

"die eigene Nahrung zu produzieren ist sehr befriedigend"

Des Weiteren verschafft es mir viel Freude und Befriedigung eigene Nahrung zu produzieren. Bio, regional und saisonal ergibt sich dann von ganz alleine. Ich mag Supermärkte aus vielen Gründen ohnehin nicht. Aber das ganzjährig gleiche Angebot von standardisieren Produkten irritiert mich immer mehr. Gleichzeitig ist es politisches Statement, eine Selbstermächtigung und ein kleines bisschen weniger Abhängigkeit. Das es wirkliche Unabhängigkeit nicht gibt, ist mir auch klar.

"Jeder könnte gärtnern, wenn er möchte"

Ich höre immer mal wieder, dass sich manche Leute keinen Garten leisten können. Das finde ich sehr schade. Und möchte auch dazu einladen, diese Aussage zu überprüfen. Es gibt in ganz Deutschland Kleingärten, Schrebergärten, Parzellen, Datschen oder wie auch immer sie regional genannt werden. Die Pacht ist (kommunal?) so geregelt, dass es sich eigentlich die meisten leisten können müssten. In Hannover sind es zB 42cent pro qm. Bei meinem Garten ergibt das zB 300€ pro Jahr. Selbstverständlich kann man sich so einen Garten mit mehreren anderen Teilen. Je nachdem können allerdings kosten für die Übernahme anfallen, insbesondere in Berlin habe ich da von hohen Summen gehört. Wer das zugegeben etwas verstaubte Image eines Kleingartenvereins nicht mag, hat aber noch mehr Möglichkeiten. In Hannover z.B. gibt es verschiedene Palettengärten die öffentlich zugänglich sind, zum Teil von Transition Town oder anderen Projekten betreut werden. Wer sich mit dem Gärtnern selbst nicht auskennt und es nicht einfach ausprobieren mag, im Internet gibt es eine Fülle von Informationen dazu. Vom Gartenblog für Anfänger bis YouTube Videos über Permakultur.

"Urban Gardening: wo Hipster und Senioren sich treffen"

Urban Gardening wird manchmal als neuer Hype dargestellt. Aber eigentlich ist es nur das wieder aufleben von etwas, das erst vor relativ kurzer Zeit verloren gegangen ist.

Meine Uroma hatte einen großen Dachgarten über der Tischlerei der Familie, damals in Tilsit. Nach der Vertreibung war sie immer auf der Suche nach einem Fleckchen Land und sehr enttäuscht, dass meine Oma keinen Bauern heiraten wollte. Sie hat überall gegärtnert. Bis zuletzt, mit über 90 Jahren, hat sie noch Tomaten im Vorgarten des Altersheims gezogen.

  Dieser Artikel ist aus dem Oktober 2016 und wurde hier nach Überarbeitung noch mal veröffentlicht.