Montag, 9. Januar 2017

Gönnen können

Dieser Blog ist umgezogen zu blog.baukje.de und wird hier nicht mehr weiter aktualisiert. Ich freue mich, euch auf meiner neuen Website wieder zu sehen. Viele Grüße Baukje

"Man muss auch mal nen Job annehmen den man nicht mag, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen." Ein Satz den ich in der Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen immer wieder höre.

Dazu fällt mir zweierlei ein. Zum einen geht es um den Kompromiss, ob man für eine bestimmte Summe Geld bereit ist einer vielleicht ungeliebten Tätigkeit nachzugehen, um sich dann etwas leisten zu können, was man sich sonst nicht kaufen könnte. Diesen Kompromiss wird man auch mit Grundeinkommen noch machen. Nur das man eben nicht mehr unter Androhung von Verlust der Würde und Existenz dazu gezwungen werden kann, einer solchen Arbeit/Aufgabe nachzugehen.

Der andere Punkt bezieht sich auf denjenigen, der diese Aussage macht. Immer wieder stelle ich fest, dass genau die Leute, die den oben genannten Kompromiss eher zähneknirschend machen, finden, dass andere das auch tun sollten. Es hat etwas mit "gönnen können" zu tun. Es fällt viel leichter anderen etwas zu gönnen, wenn man sich selbst auch etwas gönnt.

Es fällt auch viel leichter emphatisch zu sein, wenn es einem selbst gut geht. Deswegen war einer der wichtigsten Aussagen in meiner Ausbildung zur Psychotherapeutin auch, "der Therapeutin muss es immer mindestens ein bisschen besser gehen, als der Patientin. Sonst können Sie nicht wirksam arbeiten". Eine geschätzte Kollegin von mir schrieb neulich wie ihre eigenen finanziellen Sorgen, ihr die Arbeit erschwert haben.
http://www.medizin-im-text.de/blog/2017/47356/geld-kommt-wenn-du-die-dinge-nicht-tust-um-damit-geld-zu-verdienen/


Gönnen können hat also was auch was mit sich selbst gönnen können zu tun. Genauso wie die bedingungslose Liebe mit der Selbstliebe verknüpft ist. Und die eigene Existenzsicherung etwas mit dem Leben lassen der anderen.

Hass, Terror und Gewalt haben ihren Ursprung im eigenen Leid. Der Schweizer Psychoanalytiker Arno Gruen bringt es gut auf den Punkt wenn er sagt: die eigenen ungeliebten/ungelebten und oft abgespaltenen und verdrängten Anteile werden auf das Gegenüber projiziert und im Fremdenhass ausgedrückt.

Mit bloßen Worten der Vernunft kommt man da nicht gegen an. All die Menschen die von Wut und Hass im Inneren zerfressen sind, brauchen eigentlich bedingungslose Liebe. Es wird ihnen aber sehr schwer fallen diese Liebe anzunehmen und es wird auch sehr schwer diese Liebe zu geben. Wesentlich einfacher wäre es, zumindest erstmal, mit einer Bedingungslosen Existenzsicherung anzufangen. Die kann sogar der Staat bereit stellen in Form eines Grundeinkommens. Zur Sicherung des sozialen und politischen Friedens. Zum ermöglichen von Gönnen können und Liebe.

Donnerstag, 5. Januar 2017

Konsumkritik

Wenn Wachstum nicht die Lösung ist, sondern das Problem. Wie können wir uns von einer Bedarfsweckungsgesellschaft (zurück) zur Bedarfsgesellschaft entwickeln?


Natürlich gibt es noch Mangel, das möchte ich gar nicht bestreiten. Aber es gibt unverkennbar auch eine Menge Überfluss. Vielen Waren werden angepriesen durch massive Marketingstrategien, obwohl sie eigentlich keiner wirklich braucht. Die Werbung bringt uns alle mehr oder weniger dazu es haben zu wollen, aber Brauchen, im Sinne von einer Steigerung der Lebensqualität, echtem Benötigen, tun wir davon eigentlich nur das Wenigste.

Es wird immer noch Wirtschaftswachstum gefordert, dabei haben wir doch schon viel zu viel

Ein Beispiel dafür ist die Lebensmittelindustrie. Ein deutscher Supermarkt verkauft im Durchschnitt über 10.000 verschiedene Produkte. Wenn man ganz ehrlich ist, könnte man auch in einem Laden einkaufen der nur 100 oder 200 Produkte hat, ohne Verlust von Lebensqualität und Gesundheit, ohne echte Einbußen bei der Ernährung. Das auch nach unten hin der Spaß irgendwann aufhört, steht dabei nicht in Zweifel.

Bei Kleidung, Elektronikprodukten, Einrichtungsgegenständen usw. ist es sogar noch offensichtlicher. Der Trend zum Minimalismus, Rückbesinnung auf das Wesentliche ist deshalb sehr beliebt. "Intelligente Bescheidenheit", bitte nicht zu verwechseln mit Armut. Aber was wäre, wenn alle das täten? Wenn wir nur noch kaufen würden, was wir brauchen. Konsumverzicht im großen Ausmaß. Dann könnte vieles nicht mehr verkauft werden, und würde nach dem Ausschöpfen von anderen Absatzmärkten auch nicht mehr (in dem Ausmaß) produziert werden. Es käme zu einem Rückgang der Wirtschaftsleistung. Es würde weniger verkauft, in der Folge weniger verdient werden und es käme zu einer Abwärtsspirale.

Kommen wir dann vom Überfluss direkt in die Steinzeit?

Das ist für viele eine totale Horrorvorstellung. Zurecht. Denn wenn das Ganze ungesteuert und sehr schnell vonstattengeht, dann kommt es schnell zu einem Mangel von Wesentlichem. Gehen uns Wasser, Strom und Grundnahrungsmittel aus, ist es vorbei mit jeglicher Toleranz. Aber nur weil von Etwas das Gegenteil schlecht ist, ist es noch lange nicht gut. Meistens ist die beste Lösung irgendwo in der Mitte zu finden. Zwischen der Überflussgesellschaft und der Mangelgesellschaft, da liegt die Bedarfsgesellschaft. Es erfordert sensible Steuerungsmechanismen, da ein gutes Maß für zu finden.

Im Moment befinden wir uns allerdings ganz auf der anderen Seite. Auf der Seite des Überflusses. Es gibt so viel, das unbedingt gekauft werden soll, obwohl es keiner braucht, dass sehr viel Energie (Werbung und Marketing) drauf verwandt wird, es trotzdem zu Konsumieren. Da wird der Schwarze Peter gerne dem Konsumenten zugeschoben, aber was wäre, wenn der sein Verhalten tatsächlich ändern würde?

Ist das Bedingungslose Grundeinkommen Konsumförderung oder ermöglicht es Konsumkritik?

Es gibt Befürworter des Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE), die sich davon eine Steigerung des Konsums und damit auch Wirtschaftswachstum versprechen. Weil man davon ausgeht, dass wenn man ärmeren Schichten mehr Geld gibt, dass sie das zum überwiegenden Teil zum Konsum im Inland nutzen werden.
Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass mit einem BGE (hier) insgesamt weniger gekauft werden würde. Wer existenziell abgesichert ist, geht vielleicht keiner Lohnarbeit mehr nach und richtet sein Leben auf einem niedrigeren Niveau ein. Das hängt natürlich auch sehr von der Höhe eines Grundeinkommens ab. Ein anderer Aspekt könnte auch sein, dass wir weniger Schmerz durch Konsum reduzieren müssten, weil wir freier Leben könnten. Wie viel Alkohol, Zigaretten, Frust-Klamotten, Schokolade etc. würde nicht mehr gekauft und nicht mehr gebraucht werden, wenn wir den täglichen Demütigungen einer würdelosen Erwerbsarbeit entkommen?

Dann wären wir wieder bei dem Thema der Abwärtsspirale. Immer wenn ich darüber nachdenke, habe ich die leeren Schaufenster vor Augen, als ich als Kind in der DDR Urlaub gemacht habe… Laufen uns die Leute dann alle weg? Oder kommen sie alle her, weil sie das Grundeinkommen haben wollen? Oder hält es sich die Waage? Schwere Frage, die von so vielen Faktoren abhängt, dass sie seriös eigentlich nicht beantwortet werden kann.

Die Suche nach einem nachhaltigen Mittelweg

Aber was wäre, wenn es nicht ungebremst nach unten ginge? Wir könnten uns, auch Hilfe eines Grundeinkommens auf einem Steady-State einpendeln. Wo Bedarf und Produktion im gesunden Wechsel stehen und nicht künstlich in die Höhe geschraubt werden. Das wäre tatsächliche eine Idee von einem freien Markt. Aber einem wo nicht das Geld frei ist, sondern die Menschen. Das wäre ein Zustand den man wirklich als NACHHALTIG bezeichnen könnte.

Durch das jahrzehntelange kapitalistische Wachstum haben wir noch viel Luft nach unten, was die Waren angeht. Einen Teil wird die Technik und Digitalisierung retten können. Vielleich würden wir auch anfangen uns mehr selbst zu versorgen. Stichwort Prosument. Wenn die DDR 3D-Drucker gehabt hätte, wäre die Sache vielleicht anders ausgegangen. Aber zum Glück ist es das nicht, denn die fehlende politische Freiheit hätte man auch mit einer besseren Warenversorgung nicht aufwiegen können.

Wie viel Wohlstand brauchen wir eigentlich?

Die Frage die man sich stellen müsste ist folgende: Reicht es aus, weniger zu „schaffen“ und weniger zu arbeiten, den Rest von Maschinen machen zu lassen, sich mehr menschliche Fürsorge und Zeit zu geben, um unseren „Wohlstand“ zu erhalten. Und wie wichtig ist es uns, dass unser Lebensstandard, materiell gesehen, nicht fällt? Wie viele sagen, ich brauche gar nicht so viel, ich arbeite nur so viel, weil es keinen Teilzeitjob mit dem gleichen Aufgabenfeld gibt, oder wegen der Sicherheit, oder für die Rente, oder aus irgendeiner (Existenz-)Angst heraus? Wie könnte man sonst noch ein wertvoller Teil der Gesellschaft sein? Da gibt es doch sicher noch mehr Wege, als nur den der exessiven Erwerbsarbeit. 
Vielleicht könnte die Mittelschicht, auf etwas Wohlstand verzichten, ohne Lebensqualität zu verlieren. Oder sogar Lebensqualität gewinnen, trotz oder gerade weil weniger konsumiert wird. Die Suffizienz-Forschung beschäftigt sich genau mit diesen Fragen.
Ich bin nicht die einzige die sich diese Fragen stellt und nach Lösungen sucht. Dabei kommen manchmal sehr provokative Thesen aufs Parkett, zum Beispiel im Bericht des Club of Rome von 2016. Aber auch viele andere Vorschläge sammeln sich unter Begriffen wie Degrowth und Postwachstum.

Wie wollen wir Leben? Wollen wir gestalten wie es weiter gehen könnte, oder lassen wir uns von den Geschehnissen mitspülen? Das sollte sich jeder fragen, denn es betrifft uns alle.


Dieser Artikel ist aus dem September 2016 und wurde hier nach Überarbeitung noch mal veröffentlicht.