Mittwoch, 29. März 2017

Ist teilen wirtschaftlicher als sparen, Herr Mekiffer?


Dieser Blog ist umgezogen zu blog.baukje.de und wird hier nicht mehr weiter aktualisiert. Ich freue mich, euch auf meiner neuen Website wieder zu sehen. Viele Grüße Baukje


Was ist 1 geteilt durch 10? Selbst wenn Sie ab der zweiten Klasse geschwänzt haben, werden Sie wissen: Das Ergebnis ist zumindest weniger als 1. Teilen verringert das Geteilte. Den Keks, den ich abgebe, kann ich nicht selber essen, und wenn ich mein Vermögen verteile, ist es vergeben. Wenn ich es hingegen auf die Bank bringe, habe ich irgendwann mehr davon. Teilen macht also ärmer; und überhaupt, volkswirtschaftlich gesehen haben wir doch ein Problem mit mangelnder Spardisziplin: Überschuldete Haushalte, entstanden durch Steuergeschenke. Teilen ist also netter als sparen, aber uneigennützig und unwirtschaftlich.

Dieser Gedankengang ist so tief in unserem kollektiven Denken und Wirtschaften verankert, dass es sogar unvernünftig erscheinen kann, ihn in Frage zu stellen. Er klingt so intuitiv und einleuchtend – den Schein, den ich verschenke, kann ich selber nicht ausgeben, daher ist mehr für Dich weniger für mich.

Aber Scheine und Kekse sind in Wirklichkeit nicht die Regel, sondern die Ausnahme. In den meisten Fällen macht das Teilen den Teilenden reicher, ohne viel oder überhaupt etwas zu kosten.
Häufig macht das Teilen keinen ärmer, sondern bereichert den Teilenden, und ist daher oft sparsamer als das Sparen.

Ein Beispiel? Ich wohne in einer großen Wohngemeinschaft, mit 11 Leuten auf dem Land in einem ehemaligen Gasthaus in Waldeck, in einem großen Haus mit noch größerem Garten.

Wir teilen jetzt nicht alles, aber vieles: Den Einkauf, damit wir nicht alle einzeln zum Supermarkt fahren und jeden Yoghurt einzeln abrechnen müssen. Wir teilen das WG-Auto, den Fernseher, die Küchen- und Arbeitsgeräte und Staubsauger, damit bei uns nicht Dutzende kaum genutzte Geräte herumstehen um die man sich kümmern muss.

Wir richten gerade eine gemütliche Bibliothek ein, in der wir die gesammelten Bücher und Filme der Bewohner zusammenlegen. Das bereichert mich, ohne dass ich dafür etwas aufgeben muss.
Und wir teilen den Wohnraum – Küchen und Wohnzimmer, Gemüsegarten, Sauna im Keller – wodurch wir alle viel Platz für wenig Miete haben.

Wir müssen sogar nur einmal GEZ-Gebühr zahlen.

Kurz: Wir haben Überfluss, ohne zu knausern. Nicht weil wir sparen, sondern weil wir teilen, haben wir mehr. Mehr für Dich ist auch mehr für mich. Das ist wirtschaftlich.

Sparen und Teilen haben beide einen ähnlichen Effekt – man verbraucht weniger Geld und Ressourcen. Aber während Sparen Verzicht bedeutet, bereichert mich das Teilen, weil dadurch andere ihrerseits mit mir teilen. Es vereint die Vorteile des Sparens und Verschwendens in sich. Teilen ist das bessere Sparen.

Ein Haus ist eine Sache, aber wie funktioniert das in unserer Gesellschaft, dieser großen WG mit ihren unübersichtlich vielen Mitbewohnern? Sparen wir noch oder teilen wir schon?

Ich glaube, viele von den Problemen, die uns heute Kopfschmerzen bereiten, sind die logische Folge unserer Entscheidungen, uns in den letzten Jahren eher dem Sparen als Teilen zu verschreiben.

Am offensichtlichsten zeigt sich das bei der Privatisierung öffentlichen Eigentums. Vieles von dem, was vorher Staat und Gesellschaft verwaltet wurde, haben wir in den vergangenen Jahrzehnten in die Gewinnoptimierung getrieben: Die Bahn, VW und Lufthansa, Post und Telefonnetz, Stadtwerke und Flughäfen, Krankenhäuser, Hochschulen, sogar Ministeriengebäude wurden verkauft und wieder zurückgemietet. Sogar die Bundesdruckerei wurde privatisiert, was kostspielig zurückgenommen wurde, und für die Privatisierung von Autobahn und Gefängnissen gibt es bereits Modellprojekte.

Alles was verkauft wird, ist dann kein öffentliches Eigentum mehr, sondern gehört privaten Investoren und Institutionen. Als Unternehmen müssen sie ihr finanzielles Einkommen maximieren, mehr Gewinn für die Anteilseigner einfahren, hohe Preise fordern und niedrige Löhne zahlen und möglichst viel verkaufen, um möglichst viel Geld ein- und anderen abzunehmen.

Anders gesagt: Privatisierte Unternehmen müssen sparen statt teilen, um wirtschaftlich zu sein. Wir Arbeitnehmer müssen für diese Leistungen und Dividenden bezahlen, daher müssen wir, je mehr privatisiert wird, mehr für Geld arbeiten, müssen weniger teilen und mehr sparen. Sind wir dadurch kollektiv ärmer oder reicher geworden?

Die Privatisierung des öffentlichen Wohlstandes ist aber keine Erfindung der Neunziger Jahre; sie ist bereits seit Jahrhunderten im Gange. Kurze Rückschau: Im ausgehenden Mittelalter waren die weitesten Teile des Landes besitzerlos, gehörten niemandem. Die Wälder und Flure zwischen den Dörfern wurden Allmenden genannt, und standen den anliegenden Bauern zur Verfügung, um sich mit Holz, Wild, Futter und Wasser zu versorgen. Dorfgemeinschaften achteten darauf, dass niemand diese geteilten Flächten übernutzte.

Ab der Reformation wurden die Bauern jedoch vertrieben, die Flächen umzäunt und die Wälder gerodet. Aus autarken Dorfgemeinschaften wurden abhängige Lohnarbeiter, aus unendlichen Wäldern wurden schwindende Schrebergärten. Der Großteil des Landes gehört nun einer kleiner werdenden Zahl an größer werdenden Agrarkonzernen und Hedgefonds. „Betreten verboten“-Schilder und Zäune bezeugen diese Entwicklung, die manche als Diebstahl bezeichnen: Denn alles, was jetzt privates Eigentum ist, muss irgendwann einmal allen gehört haben und gewaltsam entwendet worden sein. Das einmal unendliche Land ist für jeden einzelnen knapp geworden, durch unsere mangelnde Bereitschaft zu teilen.

Warum sparen wir anstatt zu teilen? Warum verkaufen wir eigentlich unser öffentliches Eigentum, anstatt den Zugang allen zu gewähren? Weil wir uns kollektiv einmal dafür entschieden haben: Staaten können nur Geld ausgeben, was sie durch Steuern einnehmen. Wenn das nicht gelingt, müssen sie sich verschulden und müssen darüberhinaus Zinsen zahlen und später mehr einnehmen als sie ausgeben. Daher wird stetig weiter öffentliches Vermögen verkauft, was kurzfristig Haushalte saniert und dauerhaft Investoren beschenkt.

Dabei ist es doch eigentlich paradox: Der Staat spart an gemeinschaftlichen Gütern und Dienstleistungen, um Geld heranzuschaffen. Aber gehört die Zentralbank, die das Geld überhaupt in Umlauf bringt, nicht zum Staat? Warum spart der Staat an etwas, was er beliebig herstellen könnte? Die Europäische Zentralbank versucht gerade die Konjunktur anzukurbeln, indem sie Geschäftsbanken mit billigen Krediten überschüttet, während die Kommunen sparen müssen – warum benutzt sie nicht dieses Geld um die Schulden zu begleichen?

Warum teilen wir nicht die Früchte des Wohlstandes, sondern bestehen auf das Sparen? Wie würde eine Gesellschaft aussehen die das Teilen in den Mittelpunkt stellt? In der Softwareentwicklung sind diese Prinzipien schon heute verbreitet. Der Quellcode von Linux, Bitcoin und Co ist frei zugänglich und darf beliebig kopiert, modifiziert und benutzt werden. Das ermöglicht vielen, Verbesserungen einzubringen und die Software frei zu nutzen. Das bedeutet nicht, dass man damit kein Geld verdienen kann: Wer die Technik kennt, kann anderen helfen sie einzusetzen oder zu erlernen.

Tüftler wenden diese Logik mittlerweile auf technische Produkte an und erstellen Anleitungen für 3D-Drucker, Konstruktionspläne für Solarkollektoren und Windturbinen, die für jeden zugänglich und verbesserbar sind. Wikipedia sammelt und verteilt Wissen, zur Bereicherung aller. Patente, Urheberrechte und Verwertungsgesellschaften beschränken aufwendig und künstlich den Zugriff auf Ideen, Kunst und Wissen. Könnte unsere Gesellschaft nicht kreativer sein, wenn Open Source und Creative Commons keine Randprodukte, sondern die Normalität wären?

Und die Gedanken des Teilens könnte man viel weiter denken. Warum finanzieren wir nicht staatlich allen Nahverkehr, Telefon und Internet, und gewähren allen Bürgern kostenlosen Zugang? Das würde den Autoverkehr reduzieren und das Eintreiben und Verwalten der Gebühren einsparen. Und warum vergesellschaften wir nicht die ortsnahen 10% des agrarindustriellen Großgrundbesitzes und machen daraus Gemeinschaftsgärten? Kleingärten haben den größeren Flächenertrag als industrielle Landwirtschaft, und überwiegen mit gesundheitlichen und psychologischen Vorteilen. Oder warum verteilen wir nicht gleich das frische Zentralbankengeld als Grundeinkommen bei den Bürgern? Das würde allen die Freiheit bieten, nicht mehr aus der Notwendigkeit des Sparens zu handeln, sondern aus dem Willen zu geben.

Das sind natürlich alles politisch undenkbare Vorschläge. Noch gedeihen diese neue Formen des Wirtschaftens nur in den Nischen. Doch jetzt, wo das bestehende Modell des jeder-gege-jeden zunehmend schmerzhaft gegen seine Grenzen stößt, kommt zunehmend die Zeit sie in die Mitte zu holen.



Dies ist ein Gastbeitrag von STFAN MEKIFFER
Er ist Ökonom, Kulturwissenschaftler und Philosoph. Er wurde in 1988 in Kassel geboren und lebt zeitweise in Waldeck, zeitweise in Berlin, arbeitet zur Zeit bei
Refugee Open Cities, einem Innovationsprojekt für Flüchtlingheime, und kandidiert auf der Berliner Landesliste der neuen Partei Bündnis Grundeinkommen. Im vergangenen Jahr erschien sein Buch Warum eigentlich genug Geld für alle da ist im Hanser-Verlag.

Dienstag, 21. März 2017

Im Überlebensmodus leidet die Empathie


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Ein Ertrinkender schlägt um sich. Manchmal würgt jemand, der dabei ist zu ertrinken, in seiner Panik sogar den Retter. Als Rettungsschwimmer lernt man sich aus dem Griff zu befreien, um Leben zu retten. Erst an Land, nach etwas Erholung, schaltet sich das Großhirn  wieder ein. Erst dann kommt der Ertrinkende aus dem Überlebensmodus, dem blanken Selbsterhaltungstrieb, wieder ins Leben zurück. 

Panik und Existenzängste bringen die schlechtesten Seiten in uns zutage. Jeder kennt das. Momente wo Angst, Neid, Eifersucht oder Wut den gesunden Menschenverstand blockieren. Befinden wir uns in einer gesunden Umgebung, ist der Weg zurück zur Urteilsfähigkeit nicht schwer. Aber wenn Panik auch um uns herum ist und länger anhält, dann wird ein Teufelskreis in Gang gesetzt, der mit sehr viel Gewalt enden kann.

Ich sehe sehr viele Menschen mit Ängsten und auch das Leid, das dadurch entsteht. Natürlich ist Angst nicht per se schlecht. Schließlich soll Angst uns vor Gefahren bewahren. Aber bei großer Angst, insbesondere bei Panik, stehen uns nicht mehr alle Hirnleistungen zur Verfügung. Im Überlebensmodus reagieren wir triebhaft und unreif. 

Deswegen möchte ich die Angst in unseren Köpfen reduzieren. Individuell und gesellschaftlich. 
Ich hatte vor einigen Jahren das zweifelhafte Vergnügen Mobbing am eigenen Leib zu erfahren. Ich habe mich damals selbst überschätzt. Zu spät erkannte ich, wie gefährlich das werden kann. Anfangs war es nur eine Mitarbeiterin. Doch mit der Zeit hatten Ausgrenzungen, Verleumdungen und aggressive verbale Angriffe das ganze Team erfasst. Ich mochte meine Arbeit und konnte mir nicht vorstellen die Patienten einfach im Stich zu lassen. Nachdem  mir die Chefin eröffnet hatte, dass sie nicht gewillt war den Konflikt konstruktiv anzugehen, habe ich trotzdem gekündigt. 

Wer mit dem Rücken an der Wand steht, hat kein Mitgefühl mehr

Im Tiefpunkt des Geschehens traf ich eine alte Freundin. Nach wenigen Sätzen guckte sie mich schockiert an: "Wo ist denn deine Empathie geblieben?" Erst da habe ich begriffen, wie schlimm es um mich bestellt war. Wer mit dem Rücken an der Wand steht, hat kein Mitgefühl mehr. 

Ich bin nach dem Tag nie wieder an diesen Arbeitsplatz zurückgekehrt. Anschließend habe ich viel Liebe und Hilfe gebraucht, und zum Glück auch bekommen. Auch wenn meine sozialen Beziehungen sehr unter den psychischen Belastungen des Mobbings gelitten hatten. Manche Kontakte musste ich aufgeben, andere neu beginnen oder alte wieder aktivieren. In schweren Zeiten lernt man viel über seine Mitmenschen. Nach einer Weile hatte ich mich, meine Gesundheit und meine Empathie wieder gefunden Aber diese Erfahrung hat mir wichtige Erkenntnisse gebracht. 

Manchmal frage ich mich, warum manche Leute mit Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, um ihr Leben zu retten, kein Mitleid haben. Dann erinnere ich mich daran, wie es mir ging. Und dann verstehe ich. Es ermöglicht mir, auch für aggressive und destruktive Verhaltensweisen Verständnis aufzubringen. Ich heiße es nicht gut, aber ich verstehe es.

Ob jemand sich selbst bedroht sieht, hat nicht unbedingt etwas mit einer realen Gefahr zu tun. Viele Ängste werden durch emotionale Trigger ausgelöst, zB frühere traumatische Erfahrungen. Aber auch in der Situation begründete Ängste reduzieren die Empathie. 

Was für Trigger? Ich möchte dass an einem Beispiel erläutern. Ein mir sehr nahestehender Mensch hat von seinen Eltern immer wieder zu hören bekommen: "Wenn du dich in der Schule nicht anstrengst, wirst du später verhungern!" Dadurch wurden irrationale Ängste gezüchtet. Die Folge davon waren Prüfungsangst und Panikattacken. Ich habe mehrmals erlebt wie diese Angst einen eigentlich sensiblen, liebevollen und behutsamen Menschen zum "Ekelpaket" hat werden lassen. 

Wer mit den Ängsten der Menschen Politik macht, oder wirtschaftet, sollte sich nicht wundern, wenn diese Menschen (dadurch) zu "Arschlöchern" werden. Es wird dann zu einer selbsterfüllenden Prophezeihung, von beiden Seiten. 

Wir sollten uns dessen bewusst sein. Manchmal muss man sich schützen. Und dennoch sehe ich die Lösung eigentlich darin, Stück für Stück wieder mehr Vertrauen in die Welt zu bringen. Denn auch Vertrauen kann zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden.

Dieser Artikel ist aus dem Oktober 2016 und wurde hier erneut veröffentlicht. 

Samstag, 11. März 2017

"Warum machst du das eigentlich?"


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Mein eigener Bezug zum Bedingungslosen Grundeinkommen ist die Existenzangst. Sowohl mein Vater als auch mein Ex-Mann haben als Wissenschaftliche Mitarbeiter an der Uni gearbeitet, mit kurzfristig befristeten Verträgen und ständiger Existenzangst im Nacken. Jede Urlaubsplanung, jede Aufgabenverteilung unter Kollegen, Zusammenarbeit mit externen Unternehmen für Drittmittel, alles wurde von dem Gedanken an die nächste Vertragsverlängerung beeinflusst. Das ist nicht nur schädlich für die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit und Lehre. Es ist auch ein schleichendes Gift für die Familien der Wissenschaftler. Viele Kollegen zögern die Familiengründung deswegen hinaus. Wenn man es trotzdem versucht, stehen auch noch die innerfamiliäre Aufgabenverteilung und das Beziehungsklima unter dem Stern der Existenzangst. Dem ist sowohl die Ehe meiner Eltern als auch meine eigene zum Opfer gefallen. 

Auch als alleinerziehende Mutter fragt man sich in so manch schlafloser Nacht, wie sehr ein Grundeinkommen die eigene Situation verändern würde. Wie es wäre, wenn man nicht mehr ständig entscheiden müsste, ob für Kinder nun eigentlich ausreichend Geld oder ausreichend Zeit wichtiger ist. Denn beides gleichzeitig ist normalerweise nicht zu haben. Habt ihr schon mal versucht, in einer Großstadt einen Vermieter zu finden, der bei den Worten „alleine“ und „Kinder“ nicht gleich die Tür wieder zu macht? Oder einen Chef um einen Teilzeitstelle gebeten, der schon bei der Schwangerschaft es sich nicht hatte nehmen lassen, an das „Herzlichen Glückwunsch“ direkt ein „aber schon schade um Ihre Karriere“ zu hängen? Außer einem Grundeinkommen würden auch Wohneigentum und Selbständigkeit dabei helfen, aber kaum jemandem steht das zur Verfügung. 

Nun bin ich also so verrückt und wende als berufstätige alleinerziehende Mutter Zeit und Geld auf, um mich für das Grundeinkommen zu engagieren. Und dafür gibt es neben meinen eigenen noch viele weitere Gründe. Einige davon habe ich in meinem Blog aufgeführt, aber der ist inzwischen so umfangreich geworden, dass man damit ein ganzes Buch füllen könnte. Einen davon möchte ich an dieser Stelle genauer ausführen. Und das sind meine Patienten. Bis Ende Januar war ich angestellt in einer Praxis, demnächst steht die Prüfung an zum Facharzt für Allgemeinmedizin. Außerdem bin ich am Ende meiner Weiterbildung zur ärztlichen Psychotherapeutin. In beiden Bereichen begegnen mir ständig Patienten mit medizinischen Problemen, die eigentlich gesellschaftliche Ursachen haben.

Jeden Tag aufs Neue habe ich Menschen in der Sprechstunde, deren Therapie eigentlich das Grundeinkommen wäre. Dann könnte sich der Fliesenleger mit den kaputten Knieen trotz Familie einen beruflichen Neuanfang leisten. Die ein oder andere Abtreibung würde sich erübrigen, weil die Angst vor der Armut der ausschlaggebende Punkt war. Der hochbegabte Schul-Abbrecher, der sich vor Langeweile in Gelegenheitsjobs den Verstand weg-kifft, könnte Schulabschluss und Studium nachholen. Die alleinerziehende depressive Mutter könnte eine dringend erforderliche stationäre Therapie machen, ohne währenddessen obdachlos zu werden. Der Mann mit den Schlafstörungen, der seit 10 Jahren nachts im Paketdienst arbeitet, könnte sein Diplom aus dem Ausland anerkennen lassen. Und die Frau, die seit Jahren von ihrem Mann verprügelt wird, wüsste, wovon sie leben könnte, wenn sie ihn endlich verlässt. Wer jetzt einwenden möchte, dass wir doch bereits ein funktionierendes Sozialsystem hätten, der möge sich doch bitte mit den tatsächlichen Begebenheiten in Jobcenter & Co. auseinander setzen. Mir sind all diese Menschen nicht egal und auch deswegen setze ich mich für ein Bedingungsloses Grundeinkommen ein. 

Über den richtigen Weg zum BGE kann man sich vortrefflich streiten. Ich habe mich entschieden, mich dem Bündnis Grundeinkommen anzuschließen und als Partei zu versuchen, das Thema sowohl in die breite Debatte in der Bevölkerung zu bringen als auch in die Politik im Bundestag.